FAQ rund ums Kitesurfen. VOL. 2: Vier- oder Fünfleiner?

Die Leinenfrage … immer wieder ein heißes Diskussionsthema.

Diese fünfte Leine. Meiner Erfahrung nach ein Thema, das die Kitecommunity immer wieder in zwei Lager spaltet. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Ich vergleiche das Thema Vier- oder Fünfleiner gerne mit der Frage “Nutella mit oder ohne Butter drunter?” Kennt ihr jemanden, der da sagt: “Mir egal”? Also ich nicht. Da gibt’s nur Entweder-Oder-Meinungen. (Es geht übrigens nur ohne Butter … gar keine Frage ;))

Ist der Unterschied zwischen Vier- und Fünfleinerkites vergleichbar mit dem zwischen Waveboard und Twintip? (c) H. Fuchs
Ist der Unterschied zwischen Vier- und Fünfleiner-Kites vergleichbar mit dem zwischen Waveboard und Twintip? (c) H. Fuchs


Ein guter Freund von uns ist ein gutes Paradebeispiel für diesen Artikel: Er fliegt Kites mit fünfter Leine, verflucht diese aber so gut wie jedes Mal, wenn er dank dieser zu Fuß heimgehen darf. Ja, man könnte sagen – er ärgert sich grün und blau (bzw. manchmal auch orange und blau, je nach Schirmgröße ;)) über diese zusätzliche Leine. Wenn seine Schirme auch ohne Fünfte funktionieren würden, dann hätte er sich schon längst eine Vierleiner-Bar zugelegt. Tun sie aber – zumindest laut Hersteller – nicht. Tja, seine Beziehung zur fünften Leine definiert er so: Es ist kompliziert. Wie lange die beiden noch ein Paar bleiben, ist fraglich.

Eieiei ... ein Kite beim Durchschlagen. Jeder wünscht sich, dass das nicht passiert – aber keiner ist davor gefeit ;)
Eieiei … ein Kite beim Durchschlagen. Jeder wünscht sich, dass das nicht passiert – aber keiner ist davor gefeit 😉

Immerhin habe ich mich für den heutigen Beitrag – ebenso wie für den vorhergehenden zum Thema Trapeze – wirklich intensiv und gewissenhaft mit beiden Leinensystemen auseinandergesetzt, um einen möglichst ausführlichen Überblick zu schaffen und nur ja keine Vor- oder Nachteile auf beiden Seiten zu vergessen.  Deshalb starten wir auch mal gleich los mit der Theorie und widmen uns der Grundsatzfrage hinter dieser Diskussion, nämlich: Wozu sind die unterschiedlichen Leinen-Setups denn überhaupt gut?

Die Aufgabe der fünften Leine

Zusätzlich zu den Back- und Frontlines wird bei einem Fünfleiner-Setup noch eine weitere Leine zentral an der Fronttube befestigt. Es gibt Kites, die zwingend mit Fünfer-Setup geflogen werden müssen – was man daran erkennt, dass die fünfte Leine unter Spannung steht. Bei solchen Kites dient die fünfte Leine auch zur Stabilisation des Profils. Meist handelt es sich dabei um Wakestyle-Kites (tiefer C-Shape) – Kites, die hohe Belastungen aushalten müssen, etwa beim Laden der Boardkante bei Tricks.  Reine C-Shape-Kites sind auch schwieriger zu relaunchen, was durch die fünfte Leine etwas erleichtert wird.
An Schirmen, bei denen die Fünfte nur der Sicherheit und nicht der Stabilität dient, hängt die fünfte Leine durch. Solche Kites könn(t)en auch mit einer Vierleiner-Bar geflogen werden.

Das Vierleiner-Setup

Zwei Backlines, zwei Frontlines – that’s it. Vierleiner-Kites kann man noch nach ihrer Safety-Variante unterscheiden:

  • Double Frontline-Safety: Kite fällt nach dem Auslösen an beiden Frontlines aufs Wasser, bleibt auf der Fronttube liegen und behält dadurch Restzug – lässt sich aber schneller wieder starten als bei Single-Frontline-Safety.
  • Single-Frontline-Safety: Nach dem Auslösen konzentriert sich der Zug auf eine Frontline, der Kite weht aus und bleibt quasi drucklos auf dem Wasser liegen.
  • Virtuelle fünfte Leine: bei der virtuellen Fünften splitten sich die beiden Frontlines erst weiter oben – die Bar kann weiter hochrutschen, dadurch soll der Schirm soll nach dem Betätigen des QR weniger Restzug haben.
Bei reinen C-Kites für Wakestyle- und Freestyletricks macht eine fünfte Leine Sinn – sie stabilisiert den Kite und sorgt für mehr Depower. (c) H. Fuchs
Bei reinen C-Kites für Wakestyle- und Freestyletricks macht eine fünfte Leine Sinn – sie stabilisiert den Kite und sorgt für mehr Depower. (c) H. Fuchs


VIER- oder FÜNFLEINER:
PROs & CONs

VORTEILE 5. LEINE

  • Das Schlagwort, das in Verbindung mit Fünfleiner-Kites am häufigsten fällt, ist das der Sicherheit. Wird das Quickrelease betätigt, überträgt sich der Zug des Kites auf die fünfte Leine, der Schirm weht drucklos aus und fällt ins Wasser bzw. zu Boden. Außerdem soll die 5. mehr Depower bieten (v. a. bei reinen C-Kites sehr nützlich – mit Vierleiner-Setup kann man bei diesem Shape nicht wirklich von Depower sprechen)
  • Weiters dient die Fünfte dazu, den Kite bei sehr wenig Wind wieder in Relaunch-Position zu bekommen.
  • Viele nutzen die fünfte Leine auch dazu, um den Kite einfacher selber zu landen.

NACHTEILE 5. LEINE

  • Das Aufbauen dauert durch die fünfte Leine ein wenig länger.
  • In bestimmten Fällen ( z. B. mehrere Loops) kann sich die fünfte Leine so um die Centerline drehen, dass sowohl die Sicherheit als auch die Performance des Schirms negativ beeinträchtigt werden.
  • Schlägt der Kite durch (d. h. rollt er sich einmal um sich selbst ein), kann sich die fünfte Leine um den Kite wickeln und diesen beschädigen. Außerdem ist die Session dann sehr oft vorbei – einen durchgeschlagenen Fünfleiner wieder relaunchfähig zu machen, erfordert Übung.
Vier- oder Fünfleiner? Viele sagen: reine Geschmacksache. Voula ist hier mit einer 5-Leiner-Bar unterwegs aufs Wasser. (c) H. Fuchs
Vier- oder Fünfleiner? Viele sagen: reine Geschmacksache. Würde ich auch meinen. Voula ist hier mit einer 5-Leiner-Bar unterwegs aufs Wasser. (c) H. Fuchs


VORTEILE 4-LEINER

  • Die meisten modernen Kites mit vier Leinen relaunchen fast von alleine (Auto-Relaunch) – dh. bei ausreichend Wind ist nicht viel Übung nötig, um den Kite wieder aus dem Wasser starten zu können. Man kann die Vierleiner auch bequem am Windfensterrand “parken“, wo sie ganz artig stehen bleiben und auf den Relaunch warten.
  • Ein durchgeschlagener Kite mit Vier-Leinen-Setup kann in den meisten Fällen noch normal aus dem Wasser gestartet und dann gesteuert werden, d. h. er ist fahrbar. (Trotzdem sollte man schnell an Land und die Leinen wieder in Ordnung bringen – sonst können sie an den Kontaktstellen scheuern).
  • Eine Leine weniger bedeutet eine Leine weniger an der Bar (potentiell weniger Spaghetti-Risiko) und eine Leine weniger zum Anknüpfen 😉

NACHTEILE 4-LEINER

  • Nach dem Auslösen brauchen viele (ältere) Vierleiner länger, um runterzufallen und sich am Wasser in die Face-to-Face-Position hinzulegen (vor allem bei wenig Wind). Dadurch dauert es länger, bis der Kite drucklos wird bzw. es es kann ein Restzug vorhanden bleiben (speziell bei einer Double-Frontline-Safety – da bleibt der Kite auf der Fronttube liegen und dreht sich nicht um). Allerdings wird das Zug-Problem durch die ständig modernisierten Vierleiner-Bars (Single-Frontline-Safety) immer geringer – dh. mit diesem System wird die Kraftübertragung durch das Auslösen schnell durchbrochen und es läuft alles auf weniger Restzug und schnelleres Hinlegen hin.
  • Der Relaunch bei sehr wenig Wind ist mit Vier-Leiner-Systemen oft etwas tricky (aber erlernbar).
  • Reine C-Kites mit vier Leinen verfügen über wenig Depower und sind schwer zu relaunchen (-> nicht anfängertauglich).
Nach Missgeschicken mit der fünften Leine mussten schon viele mit dem Jetski aus dem Wasser gefischt werden. Allerdings: Es gibt Schlimmeres ;) (c) H. Fuchs
Nach Missgeschicken mit der fünften Leine mussten schon viele mit dem Jetski aus dem Wasser gefischt werden. Allerdings: Es gibt Schlimmeres 😉 (c) H. Fuchs


Warum ich Vierleiner-Fan bin

Einer der Vorteile von Vierleinern (vielleicht nur ein winziger, aber für mich trotzdem nicht unwesentlicher) ist, dass vier Leinen logischerweise nicht so viel Gewurschtel an der Bar verursachen wie fünf. Keep it simple 😉
Mein persönlich bedeutendstes Hauptargument für Vierleiner ist aber immer noch dieses hier: Fällt der Kite aus irgendeinem Grund ins Wasser (etwa, wenn man ihn beim Landen unterfliegt o. ä.) und schlägt dann (im worst case mehr als einmal) durch, während man sich erst mal wieder sammelt, ist das meist kein allzu großes Drama. Ein Vierleiner kann in der Regel auch mit gekreuzten Back- und Frontlines schnell wieder gelauncht werden und ich kann damit ans Ufer zurückfahren.  Ich kann den Kite aber auch  – sofern es nicht allzu wild ballert – an den Windfensterrand stellen, mich aushängen und die Bar so durchschlagen, dass die Leinen wieder passen.

Durchschlagende Argumente?
Man könnte jetzt denken, dass das mit dem Durchschlagen ohnehin nur ungeübten Kitern passiert – so ist es aber nicht. Fragt mal jemanden, der in der Welle unterwegs ist und vielleicht noch an einem Revier mit Sideoff-Bedingungen, wo der Kite gerne mal ohne Vorwarnung stallt, aufs Wasser kracht, sich dann schön einwuzelt und man nicht mehr rechtzeitig auslösen kann bzw. es erst gar nicht mitbekommt, weil man gerade in der Waschmaschine ist … ähem, tja. Dann einen invertierten Fünfleiner, dessen fünfte Leine einmal in der Mitte rund um den Kite gewickelt ist, am Wasser wieder flugfähig bekommen? Na viel Spaß. So eine Aktion erfordert ordentlich Platz in Lee, keine rauhen Bedingungen wie hohe Wellen und verdammt viel Übung.
Ohne jemanden kritisieren zu wollen: Nur ein Bruchteil der Kiter verfügt über so viel Erfahrung – und da rede ich noch lange nicht von Welle und Co., sondern von verwickelten fünften Leinen unter Laborbedingungen. In den meisten Fällen gilt daher: Aus die Maus, das wars mit der Session – Self Rescue! Wenn man Pech hat (und nicht oder zu spät ausgelöst), hat die herumgewickelte Leine auch noch den Kite durchgerissen.

In solchen Fällen ist es wiederum völlig wurscht, ob man mit vier oder fünf Leinen fährt ... (c) H. Fuchs
In solchen Fällen ist es wiederum völlig wurscht, ob man mit vier oder fünf Leinen fährt … 😉 (c) H. Fuchs

Vier gewinnt
Ganz ehrlich? Ich nehme alle Vierleiner-Nachteile gerne in Kauf. Macht man sich damit vertraut, was einen erwartet (z. B., dass der Zug des Kites nicht ganz weg ist, wenn man einmal auslösen muss), dann lernt man auch, damit umzugehen.
Wo ich allerdings schon pro-fünfte-Leine bin: bei C-Kites (und da spreche ich nicht von C-Hybrid- oder Open-C-Shapes!). Bei tiefen C’s macht die zusätzliche Stabilisierung durch die fünfte Leine Sinn und erleichtert den Relaunch wesentlich. Ansonsten denke ich, dass man auch einen Vierleiner-Kite mit etwas Übung bei wenig Wind aus dem Wasser bekommt (etwas, das man sogar UNBEDINGT üben sollte – am besten gleich von Anfang an ;)). Zum Beispiel lassen sich viele Kites bei zu wenig Wind für einen normalen Relaunch rückwärts über die Backlines starten: Beide Backlines fassen, zum Körper ziehen und so lange halten, bis der Kite verkehrt aufsteigt. Dann dreht er sich in der Luft, man lässt die Leinen los und voilá – das Ding ist wieder in der Luft.

Prinzipiell würde ich sagen: Ob vier oder fünf Leinen, das ist eine Frage des Geschmacks. Und Geschmäcker ändern sich auch immer wieder mal. Wer weiß, vielleicht bin ich in einem halben Jahr schon eine hochmotivierte Fünfleiner-Verfechterin?

Wie steht ihr denn zur Frage Vier- oder Fünfleiner? Womit habt ihr bessere Erfahrungen gemacht? Oder gibt es vielleicht sogar jemanden, der zur seltenen “Ist mir egal”-Fraktion gehört? Oder habt ihr noch Fragen zum Thema? Lasst es mich wissen 🙂

In Vol. 3 der Serie “FAQ rund ums Kitesurfen” geht es um das Thema Benimmregeln für Kiter. Ein sehr kontroverses Thema, wie ich bemerkt habe …

Aloha, Anja

P. S. Vol. 4 behandelt übrigens die Frage: Equipment – gebraucht oder neu kaufen?

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4 Kommentare auf "FAQ rund ums Kitesurfen. VOL. 2: Vier- oder Fünfleiner?"

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