Ist Kitesurfen gefährlich? Kitemares und wie man sie vermeiden kann

Jeder leidenschaftliche Kiter wird es bestätigen: Kiten macht Spaß – und das ist der Hauptgrund dafür, dass man es macht. Man könnte ja auch Schach spielen … (das macht vielen bestimmt auch Spaß – aber anders. Nehme ich mal an, da ich selbst nicht Schach spiele ;)). Tatsache ist: In Sachen Sicherheit hat Schach spielen eindeutig die Nase vorn. Dass es beim Kitesurfen immer wieder zu brenzligen Situationen kommt, lässt sich leider nicht vermeiden. Sei es aus Unachtsamkeit, durch fehlerhaftes Verhalten, Materialprobleme, Selbstüberschätzung, plötzliche Wetterumschwünge oder was auch immer.

Stellt sich also die Frage: Ist Kitesurfen gefährlich? Manchmal ja – auf jeden Fall! Selbst, wenn man alle Sicherheitsvorkehrungen trifft, Regeln einhält und achtsam ist – Wind, Wasser, das Wetter im Allgemeinen und andere (Kite-)Surfer sind Faktoren, denen man sich als Kiter quasi „ausliefert“, Dinge, die nicht zu hundert Prozent berechen- bzw. beherrschbar sind.

Ist Kitesurfen gefährlich?  Kommt ganz auf die Situation an. Manche Stürze sehen wilder aus, als sie sind – es kann aber auch umgekehrt sein.

Ob nun selbstverschuldet oder nicht – es gibt jedenfalls kaum jemanden, der im Laufe seiner Kitekarriere nicht die ein oder andere beängstigende Situation erlebt hat – Sessions, die man nie wieder vergisst und an die man ungern zurückdenkt.
Ich habe mit einigen Kitern gesprochen und sie gefragt, welche schlimmen Erlebnisse ihnen die Angst in die Knochen getrieben haben – und was sie daraus gelernt haben.

Im Anschluss daran geht’s noch darum, wie man gefährliche Kitesituationen vermeiden bzw. entschärfen kann – damit der Spaß im Vordergrund bleibt.

Ist Kitesurfen gefährlich? Kommt ganz auf die Situation an.
Wasser, Wind und Wellen sind naturgegebene Faktoren, denen man sich als Kitesurfer „ausliefert“ und deren Verhalten man nicht hundertprozentig vorhersagen kann.

Ist Kitesurfen gefährlich? Kiter berichten über ihre ganz persönlichen Kitemares

Dora, lebt auf Rhodos, kitet seit 2008 und ist Office Manager beim Airriders Kiteprocenter:

Mein schlimmstes Erlebnis ist in Faliraki passiert, einem Spot an der Ostküste der Insel Rhodos. Es war Oktober, der Wind war superstark und die Wellen etwa drei Meter hoch. Obwohl mir mein Freund dazu geraten hatte, den 5er zu nehmen, ging ich mit dem 7er aufs Wasser. Es dauerte nicht lange, bis ich in den hohen Wellen mein Board verloren hatte. Irgendwie konnte ich mich wieder aus der Wellen-Waschmaschine befreien, meinen Schirm starten und mein Board wieder finden. Der Wind war sideonshore und ich rettete mich schließlich an den Strand. Da der Wind immer stärker wurde, konnte ich nichts mehr tun, außer den Kite in den Zenit stellen und abwarten. Mein Freund George hatte mich auch erblickt und war schon auf dem Weg zu mir.

Plötzlich spürte ich, dass mich jemand von hinten an meinem Trapez packte. Der Typ wollte anscheinend helfen. Auch ein zweiter Mann war aufgetaucht, dieser schrie die ganze Zeit „Down, down!“ – damit meinte er meinen Kite.  Auf einmal griff er von hinten fest an meine Bar und zog fest daran – nur an einer Seite. Das Resultat: Ein Kiteloop, der durch den starken Wind so heftig war, dass der andere mich nicht mehr am Harness halten konnte und ich in die Luft gerissen wurde.
Der Strand war voller zusammengefalteter Sonnenschirme, über die ich drüberflog, vorbei an einem Rettungsschwimmer-Turm – in der gleichen Höhe. Alles lief wie in Zeitlupe ab, und ich dachte mir: Wenn ich jetzt auslöse und runterfalle, lande ich auf einem der Sonnenschirme und werde aufgespießt. Der Kite zog mich immer weiter und weiter, bis schließlich die Mauer eines Hotels immer näher auf mich zukam. Schließlich zog ich das Quickrelease, winkelte noch geistesgegenwärtig die Beine an, um meine Knie zu schützen und landete hart auf einem Strandweg aus Holz.

Mein Freund George war mittlerweile bei mir angekommen, hatte sich ganz von seinem Kite getrennt und lief auf mich zu. Er wollte wissen, ob ich verletzt sei und ich konnte ihm mit der linken Hand zuwinken – mit der rechten leider nicht. Schmerzen spürte ich in meinem Schock allerdings keine.
Im Krankenhaus wurde dann schließlich festgestellt, dass mein Unterarm gebrochen war. Eigentlich ein Wunder, dass mir nicht mehr passiert ist! Die beiden Typen, die „helfen“ wollten, waren übrigens nirgends mehr zu sehen.

Was ich daraus gelernt habe? Man sollte auf jeden Fall auf den Ratschlag von Leuten hören, die mehr Erfahrung haben als man selbst. Wer weiß, ob alles so abgelaufen wäre, wenn ich den kleineren Kite genommen hätte. Ok, es ist allein schon unvernünftig, noch aufs Wasser zu gehen, wenn ein Sturm aufzieht und die Bedingungen mit den hohen Wellen und den vielen Hindernissen am Strand von sich aus gefährlich sind. Ich hätte natürlich auch aufpassen können, dass nicht irgendjemand an meine Bar greifen kann – jemand, der ganz offensichtlich null Ahnung vom Kiten hatte.

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Sandro aus Breitenbrunn am Neusiedlersee – kitet seit 2010, ist internationaler Teamrider für Liquid Force und arbeitet bei den Westcoastkiters:

Passiert ist es 2012 in Tarifa am Spot Balneario. Ich kam mit meiner Freundin dort an und war sofort begeistert von diesem Kitespot – wunderschöner Strand und spiegelglattes Wasser. Allerdings mit Offshore-Bedingungen. An einem Tag mit richtig starkem Levante habe ich meinen 9er aufgebaut – ich war der Meinung, dass das schon gehen sollte. Schaumkronen waren erst weiter draußen zu sehen und deshalb war schwer einzuschätzen, wie stark der Wind wirklich war.
Jedenfalls machte ich zwei Schläge mit hohen Sprüngen und Kiteloops, wechselte dann aber auf den 7er, um etwas Freestyle machen zu können. In dem Moment, als ich den kleineren Kite startete, frischte der Wind nochmals auf. Freestyle war also auch Geschichte. Also habe ich wieder Kiteloops gemacht, bis es plötzlich einen ordentlichen Schnalzer machte … ich wusste erst gar nicht, was los war – und dann loopte mein Kite zweimal durch. Ich musste erst einmal Luft holen, als mir klar wurde, dass eine Frontline gerissen war. Durch den ablandigen Wind wurde ich immer weiter nach draußen gezogen. Von den Locals war aber niemand am Wasser, der helfen hätte können. Ich habe dann ausgelöst, dank fünfter Leine war es dann auch kein Problem – ich habe es dann geschafft, mit Schirm und Board aus eigener Kraft zum Strand zurück zu schwimmen.
Als ich zurückkam, war meine Freundin gar nicht mehr am Strand. Sie hatte bei einem Kiteshop Hilfe geholt und die Küstenwache alarmiert. Ebenso der Fotograf, der diese Bilder geschossen hat.

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Das ist jedenfalls die schlimmste Erfahrung, die ich beim Kiten jemals gemacht habe. Es war nicht sehr schlau, an diesem Tag dort aufs Wasser zu gehen. Zum Glück ist alles gut ausgegangen. Wer weiß, was gewesen wäre, wenn ich nicht von selbst zurückschwimmen hätte können – der nächste Strand wäre in Marokko gewesen …
Also, was ich im Nachhinein anders machen würde: Niemals bei ablandigen Bedingungen am offenen Meer kiten gehen, wenn nicht einmal ein Local vor Ort ist und es auch keine Kiteschule bzw. ein Rettungsboot gibt.

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5 Kommentare auf "Ist Kitesurfen gefährlich? Kitemares und wie man sie vermeiden kann"

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[…] Ist Kitesurfen gefährlich? Kitemares und wie man sie vermeiden kann […]

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[…] Anonymous bei Ist Kitesurfen gefährlich? Kitemares und wie man sie vermeiden kann […]

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[…] die bereits gefährliche Kite-Situationen erlebt haben – siehe dazu auch diesen Artikel über Kitemares. Fakt ist: Selbst, wer sich bezüglich Sicherheitsvorschriften vorbildlich verhält und stets […]

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[…] So, ich hoffe, dass ich euch genug Gründe bzw. Motivation liefern konnte, auch bei schwierigen Bedingungen aufs Wasser zu gehen. Aber: Da Kitesurfen bei schlechtem Wetter auch höhere Risiken mit sich bringt, gilt es dabei einiges zu beachten! Schließlich hat niemand Lust darauf, ein Kitemare zu erleben … so wie meine Interviewpartner aus diesem Bericht! […]

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[…] der nicht selbst schon einmal ein gefährliches Erlebnis hatte – mehr dazu im Artikel rund um Kitemares), nochmal alle Safety-Rules durchgehen und sich helfen lassen – zum Beispiel beim Starten drum […]

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