Kitesurf-Wetter: Was man an Fronten-Revieren beachten sollte – inkl. Experten-Tipps

Es ist normal, dass man als Kiter seine Fähigkeiten verbessern will – und je mehr man dazulernt, desto höhere Risiken geht man automatisch ein. Das bedeutet für viele  auch, bei starkem Wind  aufs Wasser zu gehen.  Kitesurfen bei hohen Windstärken ist eine Sache – aber wenn man es mit unvorhersehbaren, böigen Winden an einem Frontrevier zu tun hat, sieht es nocheinmal ganz anders aus. Solche Bedingungen werden leider oft unterschätzt und enden deshalb nicht selten mit ernsthaften Unfällen. Was man als Kiter an Frontenrevieren und bei Gewittern muss, wird in diesem Artikel verraten – inklusive Tips von Servus-TV Wetterexperte Sebastian Weber.

Kitesurf-Wetter:
Warum Wind nicht gleich Wind ist

Steigt der Wind auf über 25 Knoten an, stoppen die meisten Kiteschulen an Frontenrevieren die Schulungen – aus dem einfachen Grund, weil so starker Wind für den Unterricht einfach zu gefährlich ist. Wind ist leider nicht gleich Wind – bei Starkwind werden Faktoren wie die falsche Materialwahl, ein Versteuern des Kites und oft schon kleine Fahrfehler hart bestraft. Deshalb sollte Kiten bei starkem Wind erfahrenen Kitern vorbehalten bleiben – aber auch mit einem hohen Könnenslevel ist man Naturgewalten wie plötzlichen Sturmböen mehr oder weniger ausgeliefert. Wer nicht ausschließlich bei Laborbedingungen unterwegs ist, kommt also um etwas Risikomanagement nicht herum.

Risiko-Management: Das Wetter während einer Kitesession zu beobachten sollte selbstverständlich sein. (c) Helmut Fuchs/kitejoy

Mein Homespot in Podersdorf am Neusiedlersee liegt an einem Frontenrevier. D. h. es sind hauptsächlich Schlechtwetterfronten, die den Kitern und Surfern dort das Grinsen ins Gesicht treiben. Ich habe dort kiten gelernt und bin sozusagen mit böigem, instabilen Wind in den Sport hineingewachsen. Bitte nicht falsch verstehen – der Neusiedlersee ist ein großartiger (Kite-)Surfspot, der jede Menge Wind und Spaß bietet, aber es gibt Tage, an denen der Wind alles andere als anfängerfreundlich und einfach zu handhaben ist. Damit meine ich, dass wir von Laborbedingungen mit konstantem Wind und warmem Flachwasser weit entfernt sind. Als Anfänger oder wenn man noch unsicher ist, sollte man deshalb nicht allein aufs Wasser gehen bzw. zumindest jemanden haben, der einen im Auge behält. Sogar für erfahrene Kiter ist der Spot oft herausfordernd und hält wettertechnisch einiges an Überraschungen bereit.

Kitesurf-Wetter:
Über Weekend-Warriors und Selbstüberschützung

In den vergangenen Jahren habe ich jede Menge Zeit an unterschiedlichen Kitespots auf der ganzen Welt verbracht. Und fast überall trifft man auf Kiter, die die Bedingungen unter- und ihr eigenes Können überschätzen und denken sie könnten dieselben hohen Sprünge und Megaloops wie die Profis beim Red Bull King of the Air aufs Wasser knallen – und das bei stürmischen Bedingungen. Leider mangelt es solchen Kitern oft an Bewusstsein über ihr eigenes Level, die Wetterbedingungen und das damit verbundene Risiko.

Sich mit Proridern wie Ruben Lenten oder Nick Jacobsen zu vergleichen, ist mutig – abgesehen davon, dass diese über Erfahrung verfügen, die man als reiner Urlaubs- oder Wochenendkiter nie und nimmer erlangen kann, wissen sie auch zu hundert Prozent, wie sie mit heiklen Situationen beim Kiten umgehen.
Dazu kommt die Tatsache, dass professionelle Fahrer nicht nur ihre Sprünge bis zur Perfektion trainieren, sondern körperlich auch auf harte Einschläge vorbereitet sind. Nicht zu vergessen, dass die Pros sich in Sachen Wetter bestens auskennen und die Bedingungen stets im Auge behalten – egal, an welchem Spot sie kiten. (Anm.: Wenn die Pro-Jungs in Cape Town unterwegs sind, haben sie es nicht mit Frontwinden, sondern mit Passatwinden zu tun, die zwar sehr stark, aber ziemlich vorhersehbar sind.)

Sich des eigenen Könnens bewusst zu sein und die richtige Kitegröße zu wählen sind wichtige Voraussetzungen für sichere Kitesessions. (c) Helmut Fuchs/kitejoy

Hin- und Wieder-Kiter, die sich selbst für Nick & Co. halten, leben deshalb ziemlich gefährlich. Wenn das einzige, was zählt, ist, dass es maximal ballert, damit man mit möglichst viel Überpower im Schirm aufs Wasser kann – vielleicht noch mit Sturmböen und Gewittern als Draufgabe – dann scheitert dieses Vorhaben oft daran, dass Normalkiter ihren Schirm in solchen Bedingungen nicht kontrollieren können.

Sehr häufig greifen Kitesurfer mit massiver Selbstüberschätzung auch zu viel zu großen Schirmen … gehen mit dem Messer zwischen den Zähnen aufs Wasser und haben keine Ahnung, was passieren kann, wenn etwas schief geht – weil sie sich voll auf die Depower ihres Kites verlassen … ohne zu wissen, dass auch diese irgendwann ans Limit gerät. Wenn man von einer Sturmböe erfasst wird, hilft einem selbst depowern nicht mehr viel – da zeigt einem die Physik irgendwann eben Grenzen auf!!!
Fragt man wirklich gute und erfahrene Kiter um Rat, wird man zur Antwort bekommen, dass hohe Sprünge nicht nur durch große Kites erreicht werden, sondern vor allem durch Technik, die man sich leider nicht kaufen, sondern nur erarbeiten kann.

Kitesurf weather:
Über Front-Winde, Böen und Gewitter

In der nördlichen Hemisphäre entstehen Winde aus Tiefdrucksystemen. Das Hauptproblem mit Winden aus Wetterfronten ist – im Vergleich zu Passat- oder Thermikwinden – dass sie unberechenbarer und meist nicht konstant sind. Frontsysteme können Regen, Stürme und extreme Windböen verursachen. Sogar, wenn ein Surfspot nur die Ausläufer einer Wetterfront abbekommt, können immer noch extreme Böen auftauchen. Wenn es dazu, wie in Österreich, rundherum noch viele Berge gibt, macht das den Wind leider noch böiger.

Wetterfronten liefern unvorhersehbaren Wind und bringen oft auch Regen oder Gewitter an den Spot. (c) Helmut Fuchs/kitejoy

Ich wundere mich schon seit Jahren, wie viele Kiter in den Windprognosen anscheinend immer nur auf den Grundwind schauen. Denn je stärker der Wind wird, desto wichtiger werden die Böen! Ich spreche hier nicht von 12 Knoten Wind mit Böen um die 17 Knoten – das sollte recht einfach zu handhaben sein.  Aber – und das ist etwas, was offenbar (zu) wenige Kiter wissen – die Stärke des Windes ist exponentiell. Je stärker der Wind, desto heftiger sind die Böen. Wenn es mit 7 Beaufort ballert, fühlt sich eine 5-Knoten-Böe schon mal an, als würde man von hinten K. O. geschlagen werden. Mit steigender Windstärke werden Böen immer schwerer kontrollierbar.

Natürlich ist jeder Kitespot anders – Tatsache ist aber, dass man an Spots mit Front-Winden grundsätzlich mehr aufs Wetter achten muss. Vor einer herannahenden Front mit Sturm wirkt das Wetter oft ganz ruhig, aber Gewitterzellen können schnell und fast wie aus dem Nichts auftauchen. Eine sollte jedem Wassersportler klar sein: Wenn man eine Sturmfront aufziehen sieht (dunkle Wolken oder eine schwarze „Wand“), dann besser raus aus dem Wasser, bevor es zu spät ist (siehe Tipps unten). Was passiert, wenn man noch im Wasser ist, während Blitze einschlagen, möchte man sich nicht einmal denken.

Wetterfronten können sehr schnell aufziehen – und es passiert nicht selten, dass Kiter mit einem großen Kite am Wasser sind und von Sturmböen überrascht werden. (c) Helmut Fuchs/kitejoy

Aber auch ohne Blitze können Gewitter einen starken Sogeffekt haben, können den Wind im Null komma nix auf Sturmlevel beschleunigen oder dazu führen, dass der Wind urplötzlich seine Richtung um 180 Grad ändert. Schon scheinbar harmlose Regenfronten können den Wind massiv verstärken, abschwächen, komplett stoppen oder zu Richtungsänderungen führen.

Wenn man von einer starken Sturmböe erfasst wird, spielt es keine Rolle, wie sehr man einen Kite depowert – der Wind reißt an, und wenn die Windrichtung auflandig ist, endet das schnell in einer Katastrophe. Niemand will am Strand aufschlagen, schon gar nicht, wenn es dort auch noch Hindernisse gibt!

Ich habe Servus-TV Wetterexperte Sebastian Weber zum Thema befragt und ein paar hilfreiche Tipps für Wassersportler an Frontenrevieren bekommen:

Kitesurf-Wetter:
Expertentipps zum Thema Wetterfronten und Gewitter

Servus-TV-Wetterexperte Sebastian Weber erklärt, welche Wetteranzeichen für Kitesurfer von Bedeutung sind. (c) Servus TV/Kukuvec

Worauf muss ich man in puncto Wetterprognosen an Frontenrevieren besonders achten – gibt es  Warnsignale, die zeigen, dass ein Surftag gefährlich werden kann?
Ist es bereits in der Früh und am Vormittag schwül-warm, dann ist das ein sicheres Indiz dafür, dass sich am Nachmittag oder am Abend Gewitter inklusive Sturmböen bilden.
Auch die Form der Wolken (Altocumulus castellanus) verrät einiges über Gewitter – und zwar, wenn die Wolken bereits am Vormittag wie kleine Türmchen in die Höhe wachsen. Dann blitzt und donnert es in den kommenden Stunden mit großer Wahrscheinlichkeit.

Bei welchen Wetteranzeichen sollte man unbedingt sofort das Wasser verlassen?
Sofort raus aus dem Wasser beim ersten Donner! Blitze können dem eigentlichen Gewitter auch um zehn Kilometer vorauseilen. Und am Wasser ist man ganz schnell der höchste Punkt und somit ein physikalisch gesehen das ideale Ziel für eine Blitzentladung.

Wie gefährlich ist es, wenn Gewitter bzw. Regenfronten nicht direkt in der Nähe sind bzw. in eine andere Richtung ziehen – wie können diese den Wind trotzdem beeinflussen?
Das Stichwort hierbei lautet Outflow. Das bedeutet: Bei einem Gewitter gibt es kräftigen Regen, der die Luft abkühlt. Kalte Luft ist schwer und stürzt dann wie ein Wasserfall zu Boden. An der Erdoberfläche verteilt sich diese herabstürzende Luft in alle Richtungen. So entstehen Sturmböen, die in ihrer Stärke und Richtung unberechenbar sind.

Welche Wetterseiten/-dienste eignen sich am besten, um den Wind am Neusiedlersee beurteilen zu können?

http://www.swz.at/region_neusiedlersee/

Tipp: Die Servus-TV-Wetterprognose im Fernsehen läuft mehrmals täglich und immer um 20:10 vor der Primetime.

Immer darauf achten, was wettertechnisch hinter einem passiert – das macht jede Kitesession wesentlich sicherer.  (c) Helmut Fuchs/kitejoy

Kitesurf-Wetter:
Wie man Risiken minimiert

KITE STARTEN: Immer so positionieren, dass der Kite möglichst nahe an der Wasserkante ist, so dass man ihn tief halten und Richtung Wasser gehen kann. Speziell bei böigen Bedingungen und mit Windverwirbelungen am Ufer ist es sicherer, den Kite nach dem Start nicht in den Zenith zu stellen – da er ansonsten vom Himmel fallen oder einen liften kann. Bei starkem, böigen Wind kann es auch schon gefährlich werden, wenn man den Kite von einer Seite auf die andere über den Zenith bewegt.

AM WASSER: Wird man von einer starken Böe oder gar einer Sturmfront erwischt, dann den kite tief an den Rand des Windfensters stellen – so ist zwar trotzdem noch Zug vorhanden, aber man kann zumindest nicht geliftet werden. Im Falle des Falles muss man sich, von seinem Schirm trennen – klar ist ein Kite nicht billig, aber ein Leben ist immer mehr wert!

SPOT- & WETTER-CHECK: Man sollte sich mit den Merkmalen seines aktuellen Kitespots vertraut machen – diese reichen von der vorherrschenden Windrichtung über etwaige Hindernisse an Land und im Wasser bis hin zu Windabdeckungen. Über solche Faktoren Bescheid zu wissen, kann einem im Notfall das Leben retten. Abgesehen davon, dass man Wetter und Wind vor dem Kiten gründlich checken sollte (siehe Tips oben), kann man die aktuelle Windstärke noch mit einem Anemometer messen – und zwar möglichst nah an der Wasserkante und abseits aller Windabdeckungen.

MATERIAL-CHECK:  Als Kiter sollte es selbstverständlich sein, das gesamte Equipment regelmäßig auf Gebrauchsspuren und Funktion zu überprüfen –  von Chicken-Loop über Quick Release, Depower, Leinen, Tube und Struts, Anknüpfpunkte bis hin zu Trapez und Leinenmesser.

Equipment-Check: Der Zustand des verwendeten Kite-Materials sollte regelmäßig überprüft werden. (c) Helmut Fuchs/kitejoy

ZUSÄTZLICHE SAFETY-FEATURES: Wenn man bei starkem Wind kitet, macht eine Prallweste durchaus Sinn. Auch aufblasbare Safety-Backups wie Restube können von Nutzen sein, wenn man sich aus irgendeinem Grund komplett vom Kite trennen muss. Auch der Zustand des Neoprenanzuges spielt eine Rolle, wenn man nicht in tropisch warmem Wasser unterwegs ist – er sollte keine großen Löcher aufweisen, da man sonst noch schneller auskühlt, sofern man einmal länger im Wasser treibt oder schwimmt.

SAFETY-MANAGEMENT AM WASSER: Dass jeder Kiter sich in Sachen Vorfahrtsregeln auskennen und danach handeln sollte, versteht sich von selbst. Vor allem bei herausfordernden Bedingungen ist es umso wichtiger, genug Abstand zu anderen Kitern und Wassersportlern zu halten sowie vor dem Umdrehen und vor Sprüngen auf genügend Platz zu achten.


Eines steht also außer Frage: Wenn man es als Kitesurfer mit Wetterfronten und Stürmen zu tun hat, ist übertriebene Vorsicht besser als Nachsicht. Es zahlt sich einfach nicht aus, unnötige Risiken einzugehen – schließlich wollen wir alle noch möglichst viele geile Sessions haben!

In diesem Sinne, viel Spaß und stay safe!

Mehr zum Thema Sicherheit gibt’s in diesen Artikeln:

Ist Kitesurfen gefährlich? Kitemares und wie man sie vermeidet
Wenn aus Angst Respekt wird

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