FAQ rund ums Kitesurfen. VOL. 3: No-gos und Benimmregeln am Kitestrand

Der Kite-Knigge

Welche Unarten von Kitern so richtig nerven – und was dagegen hilft

Im Grunde genommen ist es ja egal, um welche Sportart es sich handelt: Es gibt sie immer – diejenigen, die einem den Spaß an der Sache gehörig verderben können. Mal mehr, mal weniger – oft sind es auch nur kleine Dinge, die nerven. Da fragt man sich echt, wo bei manchen Leuten die gute Kinderstube geblieben ist? Ob für den Gipfel oder für den Strand – Respekt und Höflichkeit sollte man immer mit einpacken.

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Ein gutes Miteinander in der Kite-Community – das wünschen wir uns doch alle, oder? (c) Airriders Kiteprocenter

Deshalb habe ich mir für diesen Artikel die nervigsten Verhaltensweisen beim Kiten zusammengesucht – meist sind das Dinge, die unbewusst und aus keiner bösen Absicht heraus geschehen (und die – sei es im Eifer des Gefechts, weil man total gestoked ist der einfach nur aus Vergesslichkeit heraus –  einfach jedem passieren können, vom Rookie bis zum langjährigen Kitelehrer). Aber gerade deshalb ist es wichtig, darüber zu reden und sich mal wieder daran zu erinnern, welche (N)Et(t)ikette beim Kitesurfen gilt und welche Verhaltensweisen man sich an- bzw. abgewöhnen sollte.

Aber Achtung, ich warne gleich vorab: Wer alles lesen will, braucht Zeit. Der Artikel ist superlang geworden – weil ich mich nicht zurückhalten konnte und so einiges an (amüsanten) Beispielen untergebracht habe. Zur Info: Da ich den Teil über die Vorfahrtsregeln im Nachhinein um einige Punkte ergänzt wurde und deshalb sehr umfangreich geworden ist, habe ich diesen an das Ende des Artikels verschoben – was aber keineswegs bedeutet, dass er der unwichtigste Part ist (ganz im Gegenteil!).


Benimmregeln am Kitestrand

No-go: Die „Geht-mich-nix-an“-Mentalität

Da steht jemand seit drei Minuten mit dem Kite in der Luft am Strand und will landen – und keinen interessiert’s anscheinend. Dabei hat er doch eh das Landezeichen gegeben, sogar mehrmals. Es sind auch genug Leute da, aber die sind mit etwas anderem beschäftigt oder tun so, als würde es sie nichts angehen. Das soll so nicht passieren! Es kann natürlich sein, dass man im Gespräch mit anderen Kitern vertieft ist oder gerade seinen Kite umleint oder dem Treiben am Wasser zusieht oder was auch immer – natürlich völlig legitim, schließlich ist man ja zum Spaß haben hier.

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Beim Starten und Landen helfen – das sollte unter Kitern selbstverständlich sein. Wegschauen ist alles andere als sozial. (c) H. Fuchs

Trotzdem – bitte aufmerksam sein! Aufmerksamkeit ist das A und O in Sachen Benimmregeln am Kitestrand und ein wesentlicher Sicherheitsfaktor. Klar, ein erfahrener Kiter wird kein Problem damit haben, etwas länger zu warten, bis ihm jemand den Kite landet – oder er landet ihn einfach selbst. Aber ein Anfänger, vielleicht noch bei böigem Wind, oder ein 50-Kilo-Mädel mit Überpower im Schirm bekommt leicht die Panik, wenn niemand sich als Helfer anbietet – verständlich! Einmal abgesehen davon, dass gerade böige und starke Winde am Ufer extrem gefährlich werden können.
Wenn man zum Beispiel beobachtet, dass jemand ans Ufer kommt, weil der Wind massiv zugenommen hat und der Kite trotz voller Depower noch immer zieht wie verrückt, dann sorgt bitte dafür, dass derjenige von jemandem hinten am Trapez gehalten wird.
Ich finde: Innerhalb der Kite-Community sollte es selbstverständlich sein, dass man aufmerksam ist und anderen beim Starten/Landen oder bei Problemen hilft – auch, wenn man sie vielleicht nicht kennt. Da fällt einem doch wirklich kein Zacken aus der Krone, oder?

Wichtig: Wenn ihr nicht sicher seid, ob jemand weiß, wie man einen Kite landet, fragt nach. Manchmal ist auch niemand vor Ort außer einer Person, und die ist ein Strandspaziergänger, der sich aus Freundlichkeit heraus anbietet. Weiß der Landhelfer nicht Bescheid, weist ihn genauestens ein in das, was er zu tun hat. Sagt ihm, dass er den Kite nach dem Landen so lange fest halten muss, bis ihr bei ihm seid und ihm den Schirm abnehmt oder erklärt genau, wie ein Kite abgelegt werden muss.

Wann ist Einmischen ok?

Eine andere Situation ruft immer wieder Diskussionen hervor: Ein noch unerfahrener Kiter will mit viel zu großem Schirm aufs Wasser. Die anderen sind mit dem Neuner schon schwer am Limit, er hat den 14er am Start. Soll bzw. darf man da etwas sagen oder nicht? Gehört sich das? Ich meine: Ja. Viele sind sogar dankbar für diese Art von Unterstützung bzw. Tipps, haben vielleicht noch gar keine Erfahrung mit umkonstantem Wind oder diesem Revier. An einem neuen Spot fängt jeder bei Null an.
However – durch „Einmischen“ sind bestimmt schon zahlreiche Unfälle vermieden worden! Will der andere trotzdem raus, kann man es ihm eh nicht verbieten. Aber zumindest hat man nicht tatenlos zugeschaut.

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Riesenkites – bei wenig Wind kein Problem. Aber völlig überpowert aufs Wasser zu gehen ist vor allem für unerfahrene Kiter riskant. Das darf man demjenigen auch ruhig sagen. (c) H. Fuchs

Selbiges gilt für Kiter, die an einem neuen Spot Probleme mit dem Starten haben. Gerade, wenn man noch unerfahren ist, neigt man dazu, dem Helfer schon das Startzeichen zu geben, obwohl der Schirm noch lange nicht richtig positioniert ist. So etwas kann böse ausgehen. Selbst langjährige Kiter stellen sich an einem neuen Spot oft beim Starten falsch hin. Wer sich auskennt und eine solche Situation beobachtet – mischt euch ruhig ein bzw. helft einfach! Lieber einmal zuviel etwas sagen als einmal zuwenig.

Dann wäre noch die Sache mit dem Wetter: Der Wind wird immer stärker und eine schwarze Wolkenwand ist im Anflug – dh. ein Gewitter kommt. Oder zieht nahe vorbei. Wie auch immer – Gewitter können sich erheblich auf den Wind auswirken, auch wenn sie nur vorbeiziehen (Sogwirkung!). Klar kann man da was sagen, wenn jemand bei solchen Bedingungen aufs Wasser gehen will. Man muss ja nicht den Klugscheißer spielen, sondern kann freundlich darauf hinweisen – wie gesagt, viele, wenn nicht sogar die meisten, sind heilfroh, wenn sie Tipps bekommen oder vor gefährlichen Situationen gewarnt werden, die sie selbst anders eingeschätzt haben.

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Wolken und herannahende Gewitter sollte man als Kiter immer genau im Auge behalten. Im Zweifel gilt: Raus aus dem Wasser – und auch andere darauf aufmerksam machen. (c) H. Fuchs

Und was, wenn man Anfänger ist (bzw. neu am Spot) und sich durch so etwas bevormundet fühlt? Denkt immer daran: Jeder ist einmal ganz am Anfang gestanden (bzw. war das erste Mal an einem Spot). Greenhorn sein ist niemandem erspart geblieben. Auch demjenigen nicht, der sich in euren Augen gerade als Oberlehrer aufspielt. Also sch… aufs Ego und keep cool. In ein paar Jahren gibst dann du die Tipps.

Attention, please!

Und am Wasser? Auch da ist Ignoranz fehl am Platz. Hat jemand einen heftigen Crash, unbedingt schauen, ob er unversehrt wieder auftaucht bzw. nach Hilfe ruft oder Probleme mit seinem Kite hat (Tube gerissen o. ä.). Dann bitte ab ans Ufer und Hilfe holen. Draggt jemand schon seit Ewigkeiten zu seinem Brett und kommt einfach nicht hin, dann freut er sich bestimmt, wenn ihm jemand, der weiß, wie das geht, sein Brett bringt. (Habe ich schon einmal erwähnt, wie wichtig es ist, den Upwind-Bodydrag zu beherrschen? ;))

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Meistens passiert eh nix und ein Sturz sieht spektakulärer aus, als er ist. Trotzdem: Schauen, ob es dem Bruchpiloten gut geht, gehört dazu. (c) H. Fuchs

Eine Situation, an die ich mich noch gut erinnern kann: Ich als Anfänger im Wasser beim Üben, der Wasserstart funktioniert noch in den seltensten Fällen, ich brauche ewig lange, um mein Brett zu positionieren und einen Startversuch zu wagen. Und rundherum um mich diese ganzen anderen Kiter!!! Wie dankbar war ich denjenigen, die netterweise Abstand vor mir gehalten haben und so mein Stresslevel ein wenig minimiert haben. Auch erfahrene Kiter sollten sich hin und wieder daran erinnern, wie es war, als sie angefangen haben. Keine Frage, dass es nervig sein kann, wenn jemand übt und immer im Weg ist. Aber das gehört nun mal dazu – und wer weiß, vielleicht fährt er oder sie euch in drei Jahren um die Ohren oder hilft euch in einer heiklen Situation. It’s all about Karma!

Den Beginnern sei dazu gesagt: Es hilft den anderen Kitern enorm, wenn man seinen Schirm nicht durchgehend im Zenit stehen lässt, sondern ihn  (vor allem, wenn jemand in Luv vorbeifahren möchte) auf zehn bzw. zwei Uhr stellt.

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Sich gegenseitig helfen – das sollte sich jeder gleich von Beginn seiner Kitekarriere an angewöhnen. (c) H. Fuchs

Keep distance!

Vor dem Springen bzw. der Wende nochmals schauen, ob man genügend Platz dafür hat (in beide Richtungen) – darauf vergessen leider viele. Das nervt und kann gefährlich werden. Auch diejenigen, die es üblicherweise eh tun, werden oft nachlässig, wenn sie längere Zeit fast allein auf dem Wasser sind und ungestört den ganzen Platz genießen – da schließe ich mich mit ein! Es verhält sich hier wie mit dem 3-S-Blick beim Autofahren: Einfach machen, auch wenn am Wasser nix los ist. Besser einmal zuviel als einmal zuwenig.
Als Grundregel gilt bei Manövern: zwei Leinenlängen Abstand halten.
Und Abstand halten bitte auch vom Strand! Soll heißen: Die Poser, die bevorzugt am Ufer zeigen, was sie können, sorgen in den meisten Fällen für mehr Ärger als bewundernswerte „Aahs“ und „Ohs“.

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Das geht sich problemlos aus – trotzdem gilt vor dem Absprung: Guckst du! (c) H. Fuchs

Kleine bis große Ärgernisse

Sehr, sehr oft sieht man herrenlose Bretter oder Schirme mitten im Start- und Landebereich herumliegen. Ist am Kitebeach wenig los, ist das im Grunde genommen egal. Aber wenn der Strand sich füllt, dann kann das a) nerven bzw. b) gefährlich sein. Der Klassiker: Eine Leine, die sich beim Starten in einem herumliegenden Brett oder in einer Bar verhängt.
Also: Unbedingt daran denken, seine Siebensachen nach der Session aus der Start- und Landezone zu entfernen (auch, wenn man vor lauter Euphorie über den gerade gestandenen Trick gerne auf Brett und Co. vergisst … kennt man doch, oder? ;)) Übrigens: An vielen Spots ist auch das Aufwickeln der Leinen Pflicht, während man seinen Kite am Strand parkt.

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Das Brett schön mittig auf der Start- und Landewiese liegen lassen – da freuen sich die anderen bestimmt 🙂 (c) H. Fuchs

Noch etwas, das man an Kitestränden häufig sieht: Alle Bretter im Uferbereich auflegen, die volle Range – das sieht auf Fotos natürlich nett aus. Aber wenn das jeder macht? Eben. Oder das Kaffeekränzchen mit dem Kite in der Luft, bei dem man sich über Gott und die Welt oder die neuesten Tricks unterhält und so schön den Ein- und Aufstiegsbereich blockiert (erlebt man besonders oft in Italien :D). Ich meine: Wenn man einen 300-Meter-Strand zur Verfügung hat, dann ist das ziemlich wurscht. Ansonsten gilt: Stets darauf achten, ob jemand mit seinem Kite vorbei möchte – und ihm zuliebe den Weg freimachen.

Und hier noch eine Ergänzung von einem aufmerksamen Leser: Rauchen neben einem Kite ist nicht unbedingt schlau. Wenn es der eigene Kite ist, ok – brennt man ein Loch rein, dann ist man eben selber schuld. Bei fremden Kites ist das schon weniger witzig. Also wenn man rauchen will, Abstand halten und sich downwind vom Kite/von den Kites positionieren.

Always respect the locals

Kommt man an einen neuen Spot, sollte man sich grundsätzlich als erstes mit den dortigen Regeln vertraut machen – denn oft sind die anders als die, die man kennt. Was ich schon öfters erlebt habe: Leute, die sich nicht an diese Regeln halten wollen – aber trotzdem alle Benefits einer Kitestation genießen möchten.

Beispiel: An einer Station weht die schwarze Flagge, weil der Wind an diesem Tag (untypischerweise) onshore ist und dadurch die Wellen so hoch, dass der Jetski nicht ins Wasser kann und es deshalb keine Rescue gibt. Eine mittelmäßige Kiterin geht trotzdem raus, obwohl sogar der Stationsleiter ihr davon abrät, (aber sie meint: „Wieso soll ich nicht rausggehen? Schließlich ist ja Wind!“), ihr Kite liegt nach zwei Minuten im Wasser und man kann sie nicht holen fahren. Ganz klassischer Fall von S-S-K-M (Selber schuld, kein Mitleid).

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Hier haben sich alle lieb: Respect the locals, dann gibt’s keinen Stress – im Gegenteil, ihr bekommt dann die besten Insidertipps. (c) H. Fuchs

Oder: Ein eben angekommener Kiter will sofort aufs Wasser, es ist 18 Uhr 30 und die Station sperrt gleich zu – er wird gebeten, nicht mehr rauszugehen, da erfahrungsgemäß abends der Wind runtergeht und die Rescue nur bis 19 Uhr zur Verfügung steht.  Ist ihm egal – er geht trotzdem raus, zieht natürlich volle Kanne downwind (unter anderem, weil der Wind wie prognostiziert immer schwächer wird) und muss dann zwei Kilometer weiter unten aus dem Wasser gefischt werden. Klar, dass sich der gute Junge nicht sonderlich beliebt gemacht hat – und das gleich am ersten Tag.

Noch ein Beispiel: Ein Kiter borgt Material an der Station aus, er wird nach seiner Könnensstufe gefragt. Er behauptet, hundertprozentig Höhe halten und Relaunchen zu können, da er das in Ägypten gelernt habe. Der Head Instructor meint, dass der Spot etwas schwieriger zu fahren wäre als Ägypten (kein Flachwasser, kein konstanter Wind) und ob er nicht lieber noch einmal kostenlos ein Upwind-Service zum Anfängerspot machen möchte? Nein, nein, das braucht er nicht – schließlich hat er doch gesagt, er könne Höhe halten. Ergebnis: Rein ins Wasser, fährt dreißig Meter direkt downwind, Schirm fällt ins Wasser, er hat null Tau, wie ein Relaunch funktioniert – und der Jetski fährt schon wieder. Seine Frau desjenigen beschwert sich noch dazu lauthals, weil ihr das mit der Rescue nicht schnell genug geht.  Nein, sowas kommt gar nicht gut.

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Manchmal wäre eine Rescue unnötig – wenn man nur auf den Rat der Kitelehrer gehört hätte. (c) H. Fuchs

Wer sich dessen nicht bewusst ist, sollte einmal darüber nachdenken: Die Locals bzw. die Betreiber einer Kitestation können Situationen erfahrungsgemäß einschätzen – sie wollen einen nicht zum Depp machen, sondern vielmehr unterstützen, damit der Aufenthalt dort so angenehm wie möglich wird. Wichtigtuer, die immer alles besser wissen, sind jedoch nirgends gerne gesehen.

„Fährste schon Höhe?“

Vor den Vorfahrtsregeln hier noch ein Frauenthema 😀 Und ein Topic, das man bitte mit ein wenig Augenzwinkern betrachten muss – es geht hier bitte nämlich keinesfalls um eine pauschale Beurteilung von männlichen Kitern! Sondern nur um einige ganz spezielle Exemplare. Nämlich diejenigen, für die fix die Annahme gilt: Kitemädel = A) automatisch Anfängerin und B) leicht zu beeindrucken. Nicht nur ich selbst habe diesbezüglich schon unzählige schräge Situationen erlebt … Welche Logik hinter solchen Annahmen steckt, verstehe ich allerdings bis heute nicht.

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Hilfe! Manche Typen am Kitestrand machen einen einfach nur noch ratlos. (c) H. Fuchs

Besonders lustig fand ich dieses Erlebnis: Frühstückstisch im Kitecamp. Ein Typ unterhält sich mit meinem Freund, fragt ihn, wie lange er schon kitet etc. Plötzlich wendet er sich an mich: „Und du? Fährste schon Höhe?“ Mir blieb kurz der Kaffee im Hals stecken, da ich nicht wusste, ob ich laut loslachen sollte. Wie kam der auf diese Frage? Ich hatte ein paar Monate davor meine Kitelehrer-Lizenz gemacht.  Natürlich stand das nicht auf meinem T-Shirt! Aber warum hatte er mich nicht einfach gefragt, wie lange ich schon kite? Na, weil er fix davon ausging, dass ich Anfängerin sein musste. Besagter Typ war natürlich auch am Strand ganz groß am Aufsprechen – ein selbsterklärter Fachmann in Sachen Material und Fahrtechnik (auch so eine nervige Unart …).
Blöd war nur, dass er nicht einmal ordentlich Höhe halten konnte (aber nicht mit seiner 15-qm-Matte, während alle anderen Jungs mit 9ern ordentlich angeblasen waren). Ausserdem fuhr er in der schlimmsten Kackhaltung, die ich je gesehen hatte. Ich gebe zu: Da kam bei mir ein wenig die Schadenfreude durch. 

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Frauen, die kiten können … soll es auch geben 😀 (c) H. Fuchs

Eine klassische Situation, die sehr viele kitende Mädels immer wieder erleben: Typen, die sie am Wasser geradezu verfolgen und ihnen direkt vor oder – im schlimmeren Fall – schräg in Luv ihre unglaublichen Sprünge vorführen müssen.
Ihr könnt mich jetzt von mir aus verurteilen, aber ich meine: In 99 Prozent dieser Fälle handelt es sich nicht um richtige Sprünge, sondern um irgendwelche völlig unkontrollierten, unstylishen Herumbaumler ohne richtigen Absprung. Wer sich jetzt angesprochen fühlt: Bitte einfach sein lassen … Es ist egal, wie gut ihr kiten könnt. Aber wenn ihr ein Mädel beeindrucken wollt, dann bitte nicht so. Und diejenigen, die wirklich beeindruckende Sprünge machen? Klar schaut man denen gerne zu. Aber auch nur, wenn sie nicht riskieren, dass sie einem in die Leinen springen und einem dadurch mehr Angst als Freude machen.

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Dass Mädels beim Kiten völlig unterschätzt werden, kommt nicht selten vor. (c) H. Fuchs

Was man als Mädel auch manchmal zu hören bekommt: „Na du springst ja auch schon ganz lieb!“ Wie bitte? Maximal an den Hals springen könnte man so einem dann, und das aber ganz und gar nicht lieb!
Ein Memo für diejenigen, die alle Mädels für Kite-Frischlinge halten:

  • Es gibt Frauen, die fahren gut bzw. oft sogar besser als viele von euch – das ist auch gut so, und Frauen an einer Kite-Bar sind etwas ganz Natürliches (so wie Frauen am Steuer).
  • „Lieb“ will man im Zusammenhang mit Kiten einfach nicht hören – nicht mal dann, wenn es als Kompliment gemeint ist.

Benimmregeln am Kitestrand

Last, but not least:
Vorfahrt, Vorrang, Ausweichpflicht

Aufgrund einiger Wünsche und Anregungen habe ich diesen Punkt im Nachhinein um ein paar wichtige Punkte ergänzt. Die grundlegenden Vorfahrtsregeln bzw. Ausweichregeln sind beim Kitesurfen nicht allzu kompliziert:

  • Rechter Fuß/rechte Hand in Fahrtrichtung vorne bedeutet Vorrang und für diesen Kiter Kurshaltepflicht (Wind von Steuerbord vor Wind von Backbord).
  • Lee vor Luv (Vorfahrt hat der Surfer auf der windabgewandten Seite, also der, der sich downwind vom anderen befindet).
  • Der Überholer hält sich frei (d. h. der Überholende muss dem anderen Abstand gewähren und darf ihn in seiner Bewegungsfreiheit nicht einschränken).
  • Manöver des letzten Augenblicks: wenn der Ausweichpflichtige seiner Pflicht nicht nachkommt, hat man trotzdem die Pflicht, eine Kollision mit anderen Wassersportlern zu vermeiden – je nach Situation z. B. durch Ausweichen, Stoppen, Wenden, Geschwindigkeit verringern.
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Linker Fuß/linke Hand in Fahrtrichtung bedeutet Ausweichpflicht. (c) H. Fuchs

So die Grundregeln – beachtet bitte, dass auch diese von Spot zu Spot variieren können (immer vorher informieren).
Grundregeln sollte man natürlich einhalten. Aber bestimmt hat jeder von uns schon vom Vertrauensgrundsatz bei den Verkehrsregeln gehört, nicht wahr? Etwas Ähnliches sollte es auch unter Kitern geben. Beispiele: Einem Anfänger, der noch mit dem Höhefahren kämpft, sollte man nettigkeitshalber Vorfahrt lassen.

Ich persönlich hab mir angewöhnt, auch auf die Schirmgröße der anderen zu schauen: Bin ich gut angepowert und der Entgegenkommende fährt ein paar Quadratmeter weniger und muss deshalb sinusieren wie verrückt, um einigermaßen in Bewegung zu bleiben, dann falle ich ab, auch wenn ich Vorrang hätte. Die paar Upwind-Meter verschenke ich in so einem Fall gerne – passiert doch nix und der andere freut sich (vielleicht ;)).

WICHTIG: Ich betone noch einmal – ich möchte hier auf keinen Fall behaupten, dass man sich nicht an die Vorfahrtsregeln halten soll – Kurshaltepflicht etc. haben ihren Sinn und sollten deshalb auch beachtet (und von jedem gelernt!) werden. Ich spreche hier von einzelnen Fällen, in denen man erst beobachtet und dann abwiegt, wie man sich einem anderen Kiter auf dem Wasser gegenüber verhält. Aber: An Spots, an denen viel los ist, sollte man die Vorfahrtsregeln ausnahmslos befolgen, damit es nicht zum Chaos kommt.
(Zur Info – das Kleingedruckte: Ich erhebe hier keinen Anspruch auf Vollständigkeit und Richtigkeit, was die Angaben bezüglich der Regeln betrifft. Gesetze ändern sich und z. T. sind die Regeln auch ortsspezifisch o. ä.)

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Der Kiter in Luv lenkt seinen Schirm rauf, der in Lee lenkt ihn runter. So geht sich alles locker aus – sogar Abklatschen, wenn man möchte 😉

Super nervig finde ich übrigens auch, wenn Leute sich weigern, ihren Schirm runterzulenken für denjenigen, der in Luv vorbeifährt. Das gilt natürlich auch im umgekehrten Fall – für den Luv-Fahrer gilt die Devise: Schirm rauf, so dass der Kiter in Lee nicht abfallen muss. Dies fällt unter die 45-Grad-Verhaltensregel: Der Kiter in Luv fliegt seinen Schirm über 45 Grad hoch, der in Lee unter 45 Grad.

Ebenfalls zu beachten: Fährt man jemandem nach und derjenige nähert sich einem Hindernis (Mole, Felsen, Kite im Wasser … oder auch Ende des Strands), dann muss man demjenigen ausreichend Platz zum Wenden lassen. Das tun erstaunlich viele nicht! In solchen Fällen (und auch, wenn man umdrehen möchte und man hat einen „Verfolger“), dann signalisiert ihm deutlich, dass ihr umdrehen möchtet.

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Regel fürs Reingehen und Verlassen des Wassers: Der Kiter, der ins Wasser möchte, hat Vorrang (Ausnahmen bestätigen die Regel). (c) H. Fuchs

Fürs Reingehen und Verlassen des Wassers gilt folgendes: Der Kiter, der ins Wasser möchte, hat Vorrang. Aber auch da macht es Sinn, erst die Situation einzuschätzen und im Falle des Falles die Regeln den Gegebenheiten anpassen. Soll heißen: Will man gerade rausgehen und ist normal angepowert, sieht aber, dass ein Hereinkommender sich z. B. vor lauter Überpower kaum mehr halten kann, weil er einen zu großen Schirm hat, dann bitte diesen erst rein- und landen lassen. Dasselbe gilt, wenn ersichtlich ist, dass jemand verletzt ist, ein Problem hat oder das Notsignal gibt (Arme seitlich ausstrecken und auf- und abbewegen, über dem Kopf überkreuzen – ist aber mit Kite in der Luft nicht immer möglich). Generell muss manövrierunfähigen Kitern (verletzt, maßlos überpowert, kaputtes Material) in jeder Situation Vorrang gegeben werden.

So, und auf Wunsch einiger Leser hab ich hier auch ganz kurz die Regeln fürs Kitesurfen in der Welle: Wer zuerst auf der Welle ist, hat Vorfahrt. Teilen sich mehrere Kiter eine Welle, hat derjenige Vorfahrt, der näher am brechenden Teil der Welle ist. Wer gegen die Welle kitet, hat Vorfahrt vor dem, der mit der Welle kitet. Und: Muskelkraft vor Segelkraft – d. h. Wellenreiter haben prinzipiell immer Vorrang.

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Kiten in der Welle: Vorfahrt hat der, der zuerst auf der Welle ist. (c) Pixabay, silviaaronadio0

So, das  war mein Senf zu den Benimmregeln am Kitestrand (bzw. auch im Wasser). Was davon kennt ihr oder habt ihr schon selbst erlebt? Was nervt euch besonders? Hab ich etwas vergessen? Freue mich über euren Input 🙂

Aloha , Anja

P. S. Kennt ihr auch schon die Artikel zu den Themen „Wie aus Angst (gesunder) Respekt wird“ und „Kitemares„?

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14 Kommentare auf "FAQ rund ums Kitesurfen. VOL. 3: No-gos und Benimmregeln am Kitestrand"

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[…] FAQ rund ums Kitesurfen. VOL. 3: No-gos und Benimmregeln am Kitestrand […]

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[…] Starten und Landen:  Manchmal ist gerade keiner da, der beim Starten oder Landen helfen kann. Zumindest kein anderer Kiter. Weiß der ausgewählte Helfer nicht, wie man richtig Starthilfe leistet, muss man ihm erklären, was er zu tun hat. Und zwar genauestens – so, wie man es im Kitekurs (hoffentlich) gelernt hat. Wichtig wäre zum Beispiel auch: den Kite auf keinen Fall vor dem Startzeichen auslassen oder gar rauf „werfen“. Das kann nämlich böse ausgehen, wenn der Starthelfer die Bitte „Wirfst du ihn mir mal rauf?“ zu wörtlich nimmt. Ist mir schon passiert, und das war alles andere als witzig – seitdem gehe ich entweder… Read more »
donnarossa
Gast

Danke für den Beitrag. Ich musste öfters schmunzeln und kenne das nur allzu gut.
Vor allem das Neandertaler-Gehabe im Wasser geht mir auf den Keks. Das ist eher gefährlich als lustig, wenn die Jungs möglichst nahe bei dir springen wollen. Meist geht’s eh schief.

michael aigner
Gast

Super Seite mit tollen Berichten,

Ich fände eine Ergänzung zu den Regeln in der Welle toll.

l.G. Michael aus Graz

Mark Dürschlag
Gast

Hey Anja, ich leite eine Kiteschule in NRW und Du hast viele Nägel auf dem Kopf getroffen, herrlich!!!
Hang Loose Mark

Andy
Gast

Super zu lesen 👍

Mir fehlt nur ein Punkt. Typen und Mädels die zwischen ihren Kites und auch der anderen lässig mit ihren Zigaretten stehen und diese lässig in den Wind halten. Leider verschwenden sie keinen Gedanken daran das die heiße Asche dann doch kleine nette Löcher in die Kites brennen könnte und das auch tut.
Ich hab nix gegen Raucher. Ich hab aber was gegen Löcher in meinem Kite! 😉

tradmangvs
Gast

Yep, schon erlebt, war sogar ein Stationsmitarbeiter 😛

alfredweidinger
Gast

… wieder ein wunderbarer und amüsant zu lesender kommentar … chapeau! …

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